![]() |
|
||||||||||||||
|
Das Grauen hat vier RäderNiemand will es hören. Keiner lacht. Einige kommen wohl nie in den Genuß. Ohne Frage eine Bildungslücke, eine Erfahrung weniger, die das ganze Leben entschieden prägt. In einem Wort: Kult. Eine kleine Gruppe ehrfürchtiger Kinder steht noch an der Bushaltestelle. Alle Busse sind schon abgefahren. Eine Mutter holt ihr Kind vom Kindergarten ab, zielstrebig überquert sie mit ihrem Sohn die Straße und betritt den Gehsteig gegenüber der Bushaltestelle. "Mama, was sind das für Kinder?" - "Psst," die Mutter beschleunigt das Tempo, "das sind die Kinder vom Land!" - "Was steht auf dem Schild, Mama?" - "Psst! 'Bitte nicht füttern', komm jetzt, wir müssen nach Hause!" Nach Hause. Nach ihrem zu Hause sehnen sich die Landkinder schon lange. Doch endlich biegt der graue Bus, der ursprünglich mal eine Signalfarbe besaß, um die Ecke. Er schleppt sich zu den Gittern, hinter denen sich die Kinder schon aufgeregt drängen. Sie saugen vor dem Einstieg noch ein letztes Mal die Abgasluft bis tief in die Lungen und betreten geschwind den Bus. Vorbei am sympathischen Busfahrer und hinein in die Menschenmasse. Schulter an Schulter. Schweißgeruch und Bazillen. Los geht's. Ankes Ranzen wurde von der Tür zerquetscht. Rasante Fahrt. Ein Blick zum Fenster. Hinausschauen unmöglich. Es sei denn, die Scheibe ist mal wieder bei einem Kampf herausgedrückt worden. Ich sehe mich weiter um. Kinder sitzen dösend auf ihrem Platz, beinahe unmöglich bei diesem Geräuschpegel. Ich ducke mich, um dem Beschuß mit verfaulten Leberwurstbroten auszuweichen. Intelligentere Kinder diskutieren den Genitiv "das Haus des Nikolauses". Sie haben Sitzplä tze. Andere Schüler schlagen voller Enthusiasmus auf die dekorativen Sitzpolster ein und werden im selben Moment von einer grauen, übelriechenden Staubwolke eingehüllt. Ältere Fahrgäste betätigen den Knopf für das Aussteigesignal. Der Busfahrer sieht (hören utopisch, da ständig defekt) und erkennt die Situation zu spät. Die leicht verärgerten Damen müssen den Bus eine Station später verlassen. Mir rollt eine alte Mandarine an die Füße. Ich gebe ihr einen Tritt. Hinten kotzt irgendwer. Marko knutscht seit 9 Minuten mit seiner Freundin. Der Bus stoppt abrupt. Ich erstarre. Der Busfahrer nähert sich mir. Sein Gesichtsausdruck spricht Bände. Er rauscht an mir vorbei. Totenstille. 2-Minuten-Schreierei an der Rückbank, das Ergebnis: Udo verläßt den Bus, niemand erklärt sich solidarisch und folgt ihm, obwohl die ganze Clique den Sitz angezündet hat. Der Busfahrer steckt Udos Fahrkarte in die Hosentasche. Jemand erlaubt sich eine unpassende Bemerkung und steigt nach der Kurzstandpauke des Busfahrers ebenfalls aus. Weiter geht's. Die angespannte Stille hält noch einige Momente an, ich genieße die Ruhe. Im Nu ist die lärmende Stimmung wieder erreicht. Johnny-Schüler üben für den Chor. Sarah schießt Alexanders Brillenglas mit einem gezielten Dosenwurf aus dem Gestell. Alexander ist zum erstenmal still. Jan schneidet Carmens Haare um 10 cm kürzer. Carmen heult. Wir sind schon 10 Minuten unterwegs, und der Bus ist noch nicht stehengeblieben. Nur nicht zu früh freuen. Gangschaltung am Arsch. Wir ruckeln in Richtung Blei- und Silberhütte , und auf dem Gehsteig überholen uns Fußgänger. Sie haben ein merkwürdiges Grinsen auf ihren Gesichtern. Ein Knall. Die Durchsage des Busfahrers "alles raus!". Wir sind mit der Situation bereits vertraut und verlassen das Wrack. Einige trampen nach Hause. Wir warten auf den Ersatzbus. Doch keine Angst: ein Ka ugummi zur Reparatur ist schnell zur Hand, und morgen ist der Bus wieder wie neu. Der Ersatzbusfahrer hat schlechte Laune. Sauerei im Bus. Chaos total. Wir wollen nach Hause. Irgendwo im Straßengraben liegt ein orangener Bus. Ich steige aus. Schade. Melanie & Michi
|
||||||||||||||
|
|||||||||||||||